Artikel von Simon Schwörer, Schwäbische Zeitung

"Mieten Sie einen Juden": Wie dieses Projekt Antisemitismus bekämpfen soll

Er sieht aus wie jeder andere Mensch. Er verhält sich wie jeder andere Mensch. Und er ist Jude. David Holinstat ist ein Mensch wie jeder andere. Das will er mit dem Project „Rent a Jew“, zu deutsch „Miete einen Juden“ beweisen.

Er will Vorurteile abbauen. Zeigen, dass die wenigsten Juden klischeehaft mit langem Rauschebart und Gewand herumlaufen. Deshalb engagiert er sich ehrenamtlich als Referent für das Projekt. Jetzt hat Holinstat die achten Klassen der Michel-Buck-Gemeinschaftsschule in Ertingen besucht.

„Ich versuche den Kids die Möglichkeit zu geben, einen Juden in Fleisch und Blut zu sehen“, sagt Holinstat. Denn das sei eines der größten Probleme. In Deutschland gebe es gerade mal 200 000 Juden. Den Anteil der orthodoxen Juden schätzt er auf ein Prozent der Gläubigen ein.

Also eine verschwindend geringe Zahl. Dennoch herrsche dieses Bild der Juden in der Öffentlichkeit vor. Diese Vorurteile beruhen laut Holinstat weniger auf Antisemitismus. Viel mehr auf Unwissenheit, glaubt der 65-Jährige.

Denn: „Viele kennen keine Juden in der Realität.“ Der Grund sei ganz einfach. In Baden-Württemberg gebe es rund 6000 Juden. Die Hälfte davon lebe im Raum Stuttgart. „Die Chancen, dass jemand in Ertingen einen jüdischen Nachbarn hat, ist klein“, sagt er. Judentum ist Teil des Bildungsplans

Catrin Kern ist Lehrerin und Fachleitung Religion an der Michel-Buck-Schule: „Wir haben da ganz pragmatisch gedacht. Das Judentum ist Teil des Bildungsplans in Religion.“ So sei die Idee entstanden, einen Juden über das Projekt einzuladen, sagt Kern.

Denn sie habe manchmal das Gefühl, dass für Kinder das Judentum wie ein Dinosaurier wirke. Dass es heute gar keine Juden mehr gebe.

Doch Holinstat ist dafür der lebende Gegenbeweis. Selbst ist er seit fast zwei Jahren bei „Rent a Jew“. „Mir macht es Spaß, Fragen zu beantworten“, erklärt er.

Holinstat bezeichnet sich selbst als liberalen Jude. Der gebürtige Amerkaner studierte Psychologie und Informatik, arbeitete als Ingenieur und lebt seit knapp vier Jahrzehnten im Raum Stuttgart.

Hier koordiniert er inzwischen die rund 130 Referenten des Projekts in BadenWürttemberg. „Ich will zeigen, dass man nicht pauschal von „den Juden“ reden kann. Genauso wenig, wie man pauschal von „den Deutschen“ spricht.“ Durch seine Erzählungen an verschiedenen Einrichtungen wolle er auch Toleranz gegenüber anderen Religionen vermitteln.  Mehr entdecken: Wer kennt schon einen Juden persönlich? plus „Ich bin verheiratet, habe keine Kinder und bin jüdisch“, erzählt er den gut 20 Schülern, mit denen er im Stuhlkreis sitzt. Und er hat auch einen Koffer mitgebracht. Darin stecken typische jüdische Symbole: Kippas, Gebetsschaal oder ein siebenarmiger Leuchter.

Die Schüler haben für die Gesprächsrunde Fragen vorbereitet. Etwa „Wann tragen Sie Ihre Kippa?“ - „Es gibt mehrere Strömungen. Ich gehöre zu den liberalen. Wir tragen die Kippa in der Synagoge, aber sonst normalerweise nicht.“

Oder auch, wann er mit Beten begonnen habe. Holinstat: „Meine Eltern waren Juden, aber nicht religiös. Ich selbst habe erst mit Anfang 40 angefangen, in die Synagoge zu gehen.“ Außerdem kommt auch auf den Tisch, warum Juden kein Schweinefleisch essen, oder wie das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen ist.

Viele Fragen zielen aber darauf ab, ob Holinstat schon mal Ausgrenzung oder Hass wegen seines Glaubens erfahren musste. Darauf kann der 65-Jährige mit „Nein“ antworten. „Jetzt bin ich so lange hier in Deutschland und das ist mir nur einmal passiert.“ Rechtsruck verunsichert ihn 

Er habe wegen seiner Religion noch nie einen Nachteil gehabt, erklärt er. Doch dann stellt eine Schülerin eine Nachfrage, die es für Holinstat in sich hat: „Haben Sie Angst als Jude in Deutschland?“ Das sei eine harte Frage, sagt er. Vor ein paar Jahren habe er das klar mit „Nein“ beantworten können.

„Aber in den letzten Jahren gibt es viel mehr offenen Antisemitismus auf den Straßen und auch von Parteien. Dieser Rechtsruck erschreckt mich.“ Das mache ihm aber nicht nur in Deutschland Angst, auch in seinem Heimatland den USA.

Zumindest die Schüler der achten Klasse in der Michel-Buck Gemeinschaftsschule, hat er vielleicht mit dieser Botschaft erreicht. Und zum Nachdenken angeregt.

Rent a Jew ist ein Projekt, das seit 2015 Begegnungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen ermöglicht. Die ehrenamtlichen Referenten besuchen dabei verschiedene Bildungseinrichtungen, wie Schulen oder kirchliche Gruppen. Dort geben sie Einblicke in das jüdische Leben und stellen sich den Fragen des Publikums. Ziel der Aktion ist es, Klischees und Vorurteile abzubauen. (sisc)

Michel-Buck-Gemeinschaftsschule